Über die Praecones


Die folgenden Zeilen entfernte ich aus dem Reisebericht meines Gastes, Sir Reinhard von Staufenberg. Dem Streiter Achenars hatte ich zwar die Durchreise und den Besuch einiger unserer Städte genehmigt, doch durfte er gewisse Dinge nicht niederschreiben. Wie anhand des vorliegenden Textauszugs deutlich wird, hat wieder einmal die Natur seines Wesens über den logischen Verstand gesiegt.

Sharra’tai Jak’Dahl
aus dem 77. Kreis der Macht zu Ehren Bargaahns

Siebenundzwanzig Tage lang reise ich nun schon durch die Provinzen Torog Nais und kein Tag vergeht, an dem ich nicht zu gleichen Maßen erstaunt über diese Kultur wie entgeistert über ihre Riten bin. Heute durfte ich einen ihrer „Unberührbaren“ erblicken. Zwar war ich angehalten, nicht aufzublicken doch zwang meine Bedürnis nach Wissen meine Augen, in die der verhüllten Gestalt zu blicken. Gross, beinahe sieben Fuss hoch ragte ER (?) vor mir auf, vollkommen in grün-schwarze Gewänder gehüllt. Über einer feinen schwarzen Kutte aus bestem Samt trug er einen nach Cullam Toroller Art gemusterten Rock an dessen Schultern links und rechts breite gestreifte Stoffbahnen über die Arme fielen. Ein Gürtel aus geschwärztem Metall wand sich wie eine Schlange um die Mitte seines Körpers. Aber nicht seine Kleidung bannte meinen Blick sondern sein Gesicht, dass unter der schwarzen Kapuze fast völlig im Schatten lag. Nur schemenhaft konnte ich eine Tätowierung die mich leicht an die Schwingen eines schwarzen Drachens erinnerten erkennen die sich um ein Auge das genau auf der Stirn saß schmiegte! Wie gebannt starrte ich in die tiefen dieses Auges und ich konnte die Stärke des Geistes und das Wissen das dahinter lauerte fast spüren. Und als er mich ansah, durchfuhr es mich, als hätte mich ein Blitz getroffen. Wie unter Schmerzen zuckte mein Geist zurück und ich konnte nicht anders, als die Augen zu senken und die Hände vor mein Gesicht zu schlagen. Doch noch immer konnte ich den Blick des Unberührbaren spüren.

Später fragte ich Jak’Dahl, meinen geehrten Gastgeber, ob er mir mehr über dieses Wesen berichten könnte. Zwar verbot er mir dies niederzuschreiben, doch fühle ich mich meinem Orden verpflichtet und werde das Wissen aufbewahren. Hoffentlich findet nie jemand diese Schriften, oder ich bin mir meines Lebens hier in Torog Nai nicht mehr sicher!
“Die Praecones stehen vollkommen außerhalb unserer Gesellschaft, Achenar. Sieh sie als Herolde aber auch Richter! Sie sind die Augen und Ohren Bargaahns und seiner vollkommenen Finsternis. Vergehe dich an ihnen und du vergehst dich an Bargaahn selbst! Sie bilden eine der Grundsäulen der Gesellschaft, das Gesetz Torog Nais. Jemand der gegen einen Praecon, das Wort eines Praecon oder das Gesetz handelt und sei es nur, dass er Anweisungen verfälscht oder für die Gesellschaft unzuträglich auslegt, wird von jeder Kommunikation abgeschnitten. Dies bedeutet, dass er nicht mehr über Fehdeangriffe gegen ihn informiert wird und er sich so nicht länger dagegen wappnen kann!“
“Ist so etwas schon einmal geschehen?“ fragte ich.
„So etwas ist für ein Kind Bargaahns undenkbar, und hättest du auch nur ein kleines Stück unserer Kultur verstanden in den Wochen, die du nun hier bist, solltest du wissen warum! Sie sind unberührbar, sowohl in physischer als auch in jeder anderer Hinsicht. Würde sich jemand gegen sie oder auch nur ihr Wort vergehen , hätte er sich gegen Bargaahn und die gesammte Gesellschaft vergangen. So etwas ist weniger wert als der lumpigste Sluudsch. Weniger noch, es ist nicht einmal mehr wert damit verglichen zu werden. Das ewige Licht ist das einzige was dieser Seele noch gebührt!“
“Aber woher kommen sie?“ hakte ich nach. „Du bist und bleibst gierig nach Wissen, das du nicht verstehst, weil du nicht verstehen willst, Achenar! Du wandelst blind unter Sehenden auf einem schmalen Pfad zwischen Abgründen! Doch für dieses eine Mal noch will ich deine Begierde befriedigen. Es geschieht – selten aber regelmäßig – dass ein Kind mit einem bestimmten Mal geboren wird. Dies ist eine große Ehre für die Nocht und ein Zeichen für die Gunst Bargaahns. Dieses Kind wird nach Cullam Toroll gebracht und dort den Praecones übergeben. Was dort geschieht, wirst nicht einmal du erfahren, doch wenn das Kind viele Zyklen später die Tempel wieder verlässt, ist es einer von ihnen. Sie wachen über die Einhaltung des Ius Fortitudinis, die Selektion des Stärkeren und achten darauf, dass diese nach den Richtlinien des Gesetzes zum Nutzen der Gesellschaft vollzogen wird. Besonders beim Kanji sorgen sie durch die Überwachung der Einhaltung der Fehdebedingungen dafür, dass dadurch keine Schwächung für die Gemeinschaft entsteht. Sie übermitteln Kunde über Aufstieg und Fall in den Kreisen. So können durch Botschaft aus ihrem Mund Kinder Bargaahns sowohl in höhere Kreise erhoben als auch wieder herabgesetzt werden. Die Unnennbaren, welche über die Praecones gebieten, gewähren Kanji oder verweigern es, wenn es der Gemeinschaft schadet. Den Praecones ist jederzeit Zugang zu allen Informationen, Orten und Wesen zu ermöglichen. Gegen ihre Anwesenheit kann kein Einspruch erhoben werden…“
“Aber wie-„ wollte ich nachhaken doch er unterbrach mich erneut.
“Genug jetzt! Ihre Weisung ist stets ohne Makel und Wort der Unnennbaren, das sie übermitteln ist der Wille Bargaahns, den du so wenig verstehst wie all die anderen Verblendeten. Doch Hoffnung besteht immer…“
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